Fotografieren am Berg

Der Profi Hermann Erber gibt einen Überblick über die wesentlichen Aspekte, die am Berg beim Umgang mit der Kamera zu berücksichtigen sind.

Das gute Bild ist immer so relativ wie ein gutes Essen oder ein gutes Buch — Geschmackssache also. Das breite Spektrum der fotografischen Arbeit gibt uns viele Entfaltungsmöglichkeiten, und so können wir das festhalten, was uns fasziniert.


Der Anspruch an die Bildqualität hängt ganz von der Situation ab. Bei Erinnerungsfotos sind persönliche Eindrücke, Gesichter, Erlebnisse viel wichtiger als perfekte Qualität. Wer zu Hause detailliert von der Tour berichten will, sollte mit der Kamera zum Beispiel den Routenverlauf, die Beteiligten, die Bergansicht, die Hütte und alle Highlights dokumentieren. Um nichts Wichtiges zu vergessen, kann man eine Liste von Motiven vorbereiten, die unbedingt in den Kasten müssen.

Natürlich gibt es gewisse Regeln in der Fotografie, die die Chancen erhöhen, dass ein Bild gut wird, und die man nur selten ganz ignorieren kann. Ich möchte hier aber nicht auf den „goldenen Schnitt“ oder die perfekte Belichtung eingehen. Richtlinien wie diese sind der Grund dafür, dass es viele gute Bilder gibt, aber auch dafür, dass es so manches gute Bild eben nicht gibt. Vielleicht sollte man sich von Regeln und Normen nicht zu sehr einschränken lassen, sie ab und zu bewusst brechen und sich mehr auf die Situation konzentrieren.


Unser Auge fokussiert automatisch genau das, was wir sehen wollen, und blendet alles Überflüssige aus. Die Kamera — in derselben Situation — lässt das Detail, auf das es uns doch ankommt, womöglich im Chaos verschwinden. Daher besteht ein wichtiger Teil der Fotoarbeit darin, das Wesentliche ins Bild zu setzen. Mit dem richtigen Ausschnitt, der optimalen Perspektive, dem passenden Schnitt und dem Spiel mit Schärfe und Unschärfe.

Raus mit der Kamera!

All diese Kriterien gelten natürlich auch beim Fotografieren am Berg, aber ein gravierender Aspekt wird dabei immer unterschätzt: nämlich, dass man das Bild auch wirklich machen muss. Wir bewegen uns in der faszinierenden Welt des Alpinismus, als Wanderer, Bergsteiger oder Kletterer, auf Bretteln oder Radln. Oft mit Foto- oder Filmkamera bewaffnet und motiviert, unsere Erlebnisse für uns selbst und die daheim Gebliebenen festzuhalten. Doch je mehr der Berg von uns fordert, desto eher bleiben die Apparate dort, wo wir sie so gut verstaut haben. Im Schneesturm mit kalten Fingern muss man sich schon überwinden, die Kamera aus dem Rucksack zu kramen — und wenn das Naturschauspiel, das einem geboten wird, noch so genial ist oder der Gesichtsausdruck des Partners gerade Bände spricht.

Und damit sind wir schon bei einem wichtigen Detail. Die Kamera im Rucksack ist eine Hürde, die uns oft an einer tollen Aufnahme oder einem spontanen Schnappschuss hindert. Um diese Hürde zu umgehen, gibt es nur einen Weg: Der Fotoapparat muss raus aus seinem Versteck! Finden Sie ein System, wie die Fotoausrüstung leicht zugänglich wird und mit nur wenigen Handgriffen vor dem Auge zum Abdrücken bereit ist. Bei Kompaktkameras dürfte das kein Problem sein, aber mit Spiegelreflexkameras — ganz egal ob analog oder digital — sieht die Sache schon anders aus.


Es gibt viele Lösungen für das Transportproblem, in meiner Praxis hat sich zum Beispiel Folgendes bewährt: Bei Skitouren oder beim Bergsteigen fixiere ich eine Zoomtasche mit dem Brustgurt des Rucksackes griffbereit in Brusthöhe. Fürs Klettern hab ich eine Tasche gefunden, mit der die Kamera samt Zubehör auf dem Rücken sitzt und ganz einfach zur Brust gedreht werden kann. Am besten, man überlegt sich diese Einsatzbereiche bereits beim Kamerakauf und sieht sich auch gleich nach der geeigneten Tasche um.


Auf die Fragen rund um die richtige Ausrüstung hat auch das digitale Zeitalter keine Patentlösungen parat, vor allem für ambitionierte Fotografen, die immer noch die Qualität einer Spiegelreflexkamera zu schätzen wissen. Es haben sich grenzenlose Möglichkeiten aufgetan, aber auch viele Ungewissheiten. Eine regelrechte Kettenreaktion — von der Aufnahme über die Bearbeitung bis zur Archivierung — startet bei dem Thema Bildformat. Bei hochwertigen Digitalkameras entspricht das RAW-Format dem Negativ eines digitalen Bildes und so sollte es auch behandelt werden, was die Sicherung betrifft. Doch beim Fotografieren gelangt man mit dem RAW-Format schnell an die Grenzen der Speicherkarte. (Bei Verwendung einer Kamera mit ca. zwölf Millionen Bildpunkten haben auf einer Gigabytekarte nicht viel mehr Fotos Platz als auf der guten alten Filmrolle.) So zwingt die Datengröße dieses Formats viele, auf JPEG umzustellen und damit das Bild zu komprimieren.


Dann stellt sich allerdings die Frage: Warum hab ich eine sündteure Kamera, wenn ich die Möglichkeiten nicht annähernd nutze? Nun kann man entweder einen kostspieligen Vorrat an Flashcards anlegen oder aber die fotografische Ausbeute unterwegs auf einem externen Speichermedium zwischenlagern. Der „DP Wiesel“ etwa, ein österreichisches Produkt, ist ideal für unsere Outdooraktivitäten. Er ist schnell, lässt sich mit Akkus speisen und steckt schon im passenden Pelicase, damit er gut geschützt ist.

Farbe bringt’s

Eine scheinbar unwichtige Nebensache kann ausschlaggebend für die Wirkung eines Fotos sein: Wer Akteure ins Bild setzen will, sollte auch einen Blick auf die Kleidung werfen. Tarnfarbene Figuren in grauer Felslandschaft oder schwarz-weiße Männchen im Schnee kommen auf dem Foto nicht zur Geltung. Je kleiner die Personen im Bild sind, desto wichtiger sind kräftige Farben, die sich von der Umgebung abheben. Ein schneller Jackentausch vor dem Knipsen kann das Bild oft gewaltig aufwerten.

Wer beherzt fotografiert, hat es schwerer als die anderen. Nicht nur, dass mehr Gewicht auf den Schultern lastet, man macht auch Abstecher oder Pausen zum Fotografieren und muss die Gruppe dann wieder einholen. Oder man braucht einen Vorsprung, um Wanderer von vorne oder Kletterer von oben vor die Linse zu bekommen — für Einzelkämpfer kann das in Stress ausarten. Kooperative Kollegen können dem ambitionierten Fotografen das Leben leichter machen — und freuen sich nachher auch über die Bilder.


An dieser Stelle ein herzliches Danke an alle Freunde, die meiner Kamera ausgeliefert sind: fürs Warten, Leiberlwechseln, Immer-wieder-denselben-Zug-Machen, Stillhalten, Blitzhalten, Ideenliefern und ihre ehrliche Kritik!

Tipps für gelungene Kletterfotos

Die Perspektive (die ideale Fotoposition) hängt von der gewünschten Bildaussage ab. Was will ich hervorheben?

  • Steilheit und Tiefe: von oben oder von einer größeren Distanz von der Seite
  • Landschaft/Umgebung: meist von der Seite, eventuell mit Weitwinkel
  • Kletterbewegung, Gesichtsausdruck: am besten mit Teleobjektiv
  • Felsstruktur: meist frontal, z. B. von einem gegenüberliegenden Felsen

 

Checkliste — der Blick durchs Okular

  • Störende Gegenstände auf dem Boden? Zweige, die ins Bild hängen?
  • Versteckte oder abgeschnittene Körperteile?
  • Equipment in Ordnung?
  • Sicherer ja/nein? (Wenn er im Bild ist, sollte er hinaufschauen.)
  • Horizont gerade?
  • Steilheit nicht verfälscht?
  • Harmonischer oder origineller Schnitt?
  • Klare Linien, keine Überschneidungen?


Text und Fotos von Hermann Erber, Mitglied der Alpinistengilde der Naturfreunde Österreich

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